Freiwillige Selbstkontrolle
Clean Girls: Noch alles frisch im Kopf?
Unsere Autorin wundert sich: Ihre elfjährige Tochter entwickelt sich zum Clean Girl. Alles kontrolliert, alles perfekt, ob Haut, Haare oder Morgenroutine. Die Mutter fragt sich, wo das Kindsein und die echten Gefühle bleiben. Und hält gut gelaunt dagegen.
veröffentlicht am 09.02.2026
Christina stand vor dem Spiegel und band sich die Haare zusammen. Sorgfältig und konzentriert. Am Ende saß der Zopf glatt am Hinterkopf, die Seiten mit Wachs fixiert. Kein Haar darf abstehen, so mag sie es. Dazu trug sie schwarze Klamotten, wie so oft. Unauffällig, zurückhaltend, ganz bei sich. Ich sah ihr zu und dachte: Wie erwachsen das alles wirkt. Dabei ist sie doch erst elf!
Mit diesem Auftreten ist sie nicht allein. Mädchen, die ruhig wirken, geschniegelt und in allen Belangen kontrolliert - dieser Trend hat einen Namen: Clean Girls. Clean Girls tragen schlichte Kleidung, achten auf perfekte Frisuren, makellose Haut. Aber nicht nur das Äußere ist „clean“. Auch der Alltag ist getaktet: Ein Clean Girl hat Routinen. Am Morgen, in der Schule, in der Freizeit. Clean Girls sind nie wütend, selten traurig, tanzen nicht aus der Reihe sind erst recht nicht chaotisch. Und damit ist auch den Innenleben wohl sortiert.
Das Kind wirkt so erwachsen, so diszipliniert – und so langweilig
Genau da beginnt mein Unbehagen. Nicht, weil Ordnung oder Zurückhaltung falsch wären. Sondern weil dieses Ideal so erwachsen ist. So diszipliniert. So glatt. Und ehrlich gesagt: ziemlich langweilig. Vor allem aber viel zu eng für ein elfjähriges Mädchen.
Wo bleibt das Kind? Wo ist die Lockerheit? Das Albernsein? Das emotionale Auf und Ab, das in diesem Alter doch so normal ist? Mit elf darf man wütend sein. Ungerecht. Traurig ohne klaren Grund. Überschwänglich glücklich – und fünf Minuten später zu Tode betrübt. Dieses ständige Sich-selbst-im-Griff-Haben passt einfach nicht zu dieser Lebensphase.
Ecken und Kanten sind ausdrücklich erwünscht
Ich merke, wie wichtig es mir ist, dagegenzuhalten. Nicht mit Verboten, sondern mit Vorleben. So tanze ich Freestyle durchs Wohnzimmer und greife beherzt zur großen Chipstüte. Lecker! Ich diskutiere über sinnlose und sinnvolle Grenzen, über die Fake-Welt in Social Media und lasse in meine Gefühlswelt blicken, weil ich ausdrücklich zeigen will, dass Gefühle Platz haben dürfen – auch die lauten, die schiefen, die unordentlichen. Dazu die Fehltritte, die jeder Mensch macht sowie der Mut und die Kraft, es wieder neu und besser zu machen.
Was mich dabei sehr beruhigt: Ihr Zimmer ist oft alles andere als aufgeräumt. Kleidung auf dem Boden, Zettel, Stifte, Kleinkram überall. Auch Make-up interessiert sie (zum Glück noch) kaum und ein Drogeriemarkt ist für sie noch immer ein gewöhnliches Geschäft, kein Wallfahrtsort. Ein echtes Clean Girl also ist sie nicht. Und das ist gut so, denn Ecken und Kanten sind ausdrücklich erwünscht. Mit Chaos und Freude. Mit Wachstum. Und wenn sie dann doch mal ihr Zimmer aufräumen möchte - also ich würde da nicht nein sagen ...





