Wertschätzung

Was es mit Kindern macht, wenn sie ständig Geschenke bekommen

Ein kleines Spielzeug beim Zahnarzt, ein Malbuch beim Optiker, Schokolade vom Besuch. Bescherung ist immer und überall. Kindern Wertschätzung und Dankbarkeit für Geschenktes zu vermitteln, ist deshalb gar nicht so einfach, findet unsere Autorin.

veröffentlicht am 01.01.2022

So eine Bescherung! Da schenkt der Sportverein zum Weihnachtsfest meiner Tochter einen Stofftier-Elefanten und nach einer riesigen, anfänglichen Euphorie laufen dicke Tränen über ihre Wangen. Die Stimmung ist am Boden. Was ist passiert?

Christina hatte mitbekommen, dass die Nachbarin auch ein Stofftier bekommen hat, einen Hasen. Den wollte sie anstelle des Elefanten jetzt auch haben. Die Nachbarn, erzählt sie mir schluchzend, haben sowieso das viel schönere Spielzeug. Und zwar immer.

Jetzt freu dich mal!

Ich bin genervt und zugleich überrascht. So viel Undankbarkeit kenne ich nicht von ihr. Energisch versuche ich, ihre Welt wieder zurechtzurücken. Dass sie sich mal freuen soll, überhaupt ein Geschenk zu bekommen, erkläre ich mit deutlichen, aber freundlichen Worten. Und dass bereits vier Hasen in ihrem Stofftier-Zoo auf ihre Zuneigung warten. Nur langsam kommen meine Erklärungen im Hirn der Siebenjährigen an. Der Elefant darf schließlich doch bleiben, aber so geliebt wie in den ersten Stunden seiner Ankunft wird er nie wieder sein.

Was läuft falsch, frage ich mich? Wie kann ich ihr helfen, aufrichtig dankbar zu sein, für das was sie hat, und für das, was wir haben?

Bescherung ist jederzeit und überall

Ich bin schon lange darauf bedacht, dass die Geschenke-Flut nicht überhandnimmt – schwierig genug. Gerade bei kleinen Kindern dreht das Umfeld, so meine Beobachtung, gerne etwas durch. Vor allem die Freundinnen der Oma, mit der wir in einem Haus leben, kommen selten ohne Süßigkeiten zu Besuch. Sie meinen es gut, ich weiß. Trotzdem grätsche ich oft dazwischen und lasse das ein oder andere nett gemeinte Präsent hinterrücks schnell verschwinden.

Schokolade und Co. sind in den Augen meines Kindes eben keine Geschenke, sie sind immer da. So selbstverständlich wie das tägliche Brot oder die neue Winterkleidung. Nicht besser sieht es da bei kleinen Mitbringseln aus, die es eigentlich auch fortlaufend gibt. Hier ein kleines Spielzeug beim Zahnarzt, da ein Badepulver beim Einkaufen, dort ein Malbuch beim Optiker. Ganz zu schweigen von den Kindergeburtstagen, wenn zum Finale Geschenke in Form von Leuchtstäben und Buntstiften an die Gäste (!) verteilt werden. Bescherung ist jederzeit und überall.

Wir Erwachsenen ticken auch nicht anders

Wie also soll das Kind für Dinge eine Wertschätzung empfinden, auf die es permanent Zugriff hat? Im Grunde kann ich ihr gar keinen Vorwurf machen, wir Erwachsenen ticken ja auch nicht anders. Erst Sachen, die selten sind, auf die man warten muss, die vielleicht auch unerwartet sind, können an Bedeutung gewinnen. Und nur wenn etwas eine Bedeutung hat, kann man sich wirklich darüber freuen. Weniger ist mehr, natürlich mit Augenmaß. Oder anders gesagt: Wer nie Hunger hat, weiß gar nicht, wie wohltuend sich ein voller Bauch anfühlt.

Vielleicht ist es an der Zeit und ich sollte mich mal um der Süßigkeiten-Kiste widmen – ist ja schließlich auch zum Wohl des Kindes!


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