Heilige

Taugt die Gottesmutter Maria als Vorbild für moderne Mütter?

Die Mutter Jesu als Vorbild für moderne Mütter und christliche Feministinnen? Für Barbara Nick-Labatzki, Referentin für Glaubenskommunikation im Bistum Osnabrück, kein Widerspruch. Sie sagt sogar: Auch Väter können von der Heiligen etwas lernen.

veröffentlicht am 25.04.2022

Wenn ich Wortkombinationen wie „Marienmonat Mai“ oder „Gottesmutter Maria“ höre, denke ich spontan an alte Frauen, die in der Kirche sitzen und den Rosenkranz beten. Sie sind Referentin für Glaubenskommunikation im Bistum Osnabrück. Ist Maria – provokant gesagt – heute out?
So pauschal lässt sich das sicher nicht sagen. Allerdings stehen viele Gläubige, nicht nur der jüngeren Generation, der traditionellen Marienfrömmigkeit sehr skeptisch gegenüber. So gesehen könnte man sagen: Maria ist out. Gleichzeitig wird Maria nicht nur in der Popkultur wiederentdeckt, denn was vielleicht erstaunt: Auch viele christliche Feministinnen und Feministen entdecken in Maria ein Vorbild für ihr Leben und ihren Glauben.  

Sie spielen auf die Initiative Maria 2.0 an. Was meinen Sie, warum haben sich die Gründerinnen, die für mehr Rechte der Frauen in der Kirche eintreten, ausgerechnet Maria als Namensgeberin ausgesucht?
Maria wurde in der patriarchalen Tradition ein Kleid der Folgsamkeit, Reinheit und quasi Körperlosigkeit übergeworfen. Für Christen und Christinnen, die sich für Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche einsetzen, ist es von hoher Bedeutung, ein neues, realistischeres Narrativ zu finden und einzusetzen – von Maria, einer Frau, die frei, mutig und ganzleiblich auf G:tt* vertrauend ihren Weg geht. Einer Frau, die ehrlich und kritisch Missstände ins Wort bringt und erkennt, dass Freude und Leid im Leben häufig eng beieinanderstehen.

Die demütige und gehorsame Maria symbolisiert also ein überholtes Frauenbild.
Das Marienbild an sich hat sich überholt. Patriarchale Machtstrukturen haben Maria zu einem demütigen und reinen „Ideal“ stilisiert. Dieses Marienbild ist biblisch so nicht überliefert, hatte aber fatale Folgen für Generationen von Frauen. Bis heute bewegen sich viele Frauen in einem von außen auferlegtem Spannungsfeld von oft unerreichbaren Erwartungen. Das Maria zugeschriebene Frauenbild ist vielleicht überholt, die Erwartungen, die mit diesem einhergehen, sind es häufig jedoch noch nicht.

Inwiefern kann die Gottesmutter auch heute noch Vorbild für (junge) Frauen sein? Insbesondere auch für Mütter?
Dafür lohnt sich ein Blick in das Magnificat. Hier lernen wir Maria als Prophetin kennen, kritisch und revolutionär denkend, und sich in ihrer Freiheit doch von G:tt gehalten wissend. Auf einer persönlichen und gesellschaftlichen Ebene kann Maria so zu einem Vorbild für Emanzipation, Mut und Hoffnung werden.

Das fiat („mir geschehe“) Marias wurde in der Tradition oft als unterwürfig interpretiert. Allerdings zeigt sich gerade hier Marias Mut und Autonomie sowie ihr Vertrauen nicht nur auf G:tt, sondern auch in sich selbst. Diese innere Freiheit, dieser Mut, es anders zu sehen und zu machen: Das kann auch für Mütter eine Erinnerung sein, die Ansprüche und Erwartungen, die sie sich selbst auferlegen oder von außen übernehmen, zu hinterfragen.

Der Muttertag ist kein kirchliches Fest. Trotzdem wird er als Thema gerne in Familiengottesdiensten aufgegriffen. Beim Vatertag ist das nicht ganz so. Da überwiegen die kirchlichen Traditionen rund um Christi Himmelfahrt. Entspricht das dem Bild einer gleichberechtigten Elternschaft?
Nein. Aber gleichberechtigte Elternschaft ist in unserer Gesellschaft ehrlicherweise auch noch nicht etabliert. Frauen haben nach wie vor einen höheren „mental load“, da sie häufig deutlich mehr Zeit in Care Arbeit investieren (müssen) als Männer.

Auf der einen Seite ist es gut, dass Mütter Wertschätzung und Respekt erfahren. Hierfür reichen aber nicht Themeng:ttesdienste oder Blumen einmal im Jahr. Wenn der Muttertag einzig ein Tag des Dankes und der Blumen bleibt, besteht außerdem die Gefahr, dass Rollenmuster eher bestehen bleiben. Der Muttertag hält also auch kritisches Potenzial bereit. Hier sehe ich im Umgang eine Parallele zum Weltfrauentag, der mittlerweile häufig als „feministischer Kampftag“ bezeichnet wird. Ein ähnliches Umdenken könnte auch beim Muttertag etwas bewirken.

Wie erleben Sie die kirchliche Zielgruppenansprache hier generell? Hat die Kirche mehr die Mütter im Blick als die Väter?
Mein Eindruck ist, dass Mütter häufiger in kirchlichen Ehrenämtern auftreten. Ob das mit Ansprache zu tun hat, weiß ich nicht. Ich vermute hier eine, oft auch eher implizite, Erwartungshaltung an Mütter und Frauen generell. Dahinter liegt aber eine gesamtgesellschaftliche Problematik.

Ich nehme wahr, dass es neben vielen Angeboten, die sich an die ganze Familie wenden, es auch viele tolle Angebote gibt, die sich explizit an Väter richten und die auch gut angenommen werden. Das ist positiv zu bewerten, hinterlässt aber dennoch einen Beigeschmack: Häufig ist es so, dass Väter durch geringere Care Arbeit dafür die qualitative Zeit mit den Kindern gezielter nutzen können, bzw. diese Vater-Kind-Zeit als etwas Besonderes wahrgenommen wird, Mutter-Kind-Zeit aber eher als selbstverständlich verstanden wird. Kirche dürfte hier allgemein mutiger voranschreiten, in der Überwindung von Rollenmustern in der Erziehung und allgemein.

Was können denn auch die Väter von der Gottesmutter Maria lernen? Was würde sie ihnen wohl sagen oder raten?
Das ist natürlich schwer zu sagen. Auch hier bietet das Magnificat Orientierungsmöglichkeit: Väter sind aufgerufen, gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen und damit einhergehende Privilegien zu erkennen. Es ist super, wenn sie sich nicht nur Josef zum Vorbild nehmen, sondern auch Maria. Vielleicht würde sie sagen: „Väter können genauso gute Mütter sein. Habt Mut zu mehr Weiblichkeit und hört auf eure Intuition.“

*Welches Geschlecht hat G:tt? Hat G:tt überhaupt ein Geschlecht? Um diese Fragen bewusst offen zu lassen bzw. zum Nachdenken darüber anzuregen, wählt die Autorin die Schreibweise „G:tt“. Außerdem will sie damit zum Ausdruck bringen, dass Gott unverfügbar bleibt. Sprache und Verstehen können G:tt nie vollständig benennen.

Barbara Nick-Labatzki

Barbara Nick-Labatzki arbeitet seit Ende 2019 als Referentin für Glaubenskommunikation und Junge Erwachsene im Bistum Osnabrück. Sie möchte andere dazu ermutigen, Gott immer wieder neu zu denken und das befreiende Potenzial des Glaubens zu erleben.


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